Pflegegrad beantragen: Antrag, Gutachten und Fristen
7 Min. Lesezeit · Aktualisiert am 20. August 2026
KI-generiertDer Antrag auf einen Pflegegrad ist formfrei: Ein Anruf bei der Pflegekasse genügt. Danach folgt eine Begutachtung zu Hause durch den Medizinischen Dienst oder Medicproof, die anhand von sechs Lebensbereichen eine Punktzahl ermittelt. Die Pflegekasse muss innerhalb von 25 Arbeitstagen entscheiden, Leistungen gelten rückwirkend ab dem Monat der Antragstellung. Für die Finanzierung einer Betreuung zu Hause ist Pflegegrad 2 die entscheidende Schwelle – erst dort beginnen Pflegegeld und der gemeinsame Jahresbetrag.
Das Wichtigste in Kürze
- Antrag formfrei per Telefon oder kurzem Schreiben – Datum notieren, Leistungen gelten rückwirkend ab Antragsmonat.
- Begutachtung durch den Medizinischen Dienst (gesetzlich) oder Medicproof (privat), meist in der Wohnung.
- Bewertet werden sechs Module mit unterschiedlicher Gewichtung; ab 27 Punkten gilt Pflegegrad 2.
- Entscheidungsfrist: 25 Arbeitstage; bei Fristversäumnis 70 EUR je begonnene Woche.
- Im Krankenhaus gestellte Anträge mit Pflegebedarf nach Entlassung: Begutachtung innerhalb einer Woche.
- Widerspruch innerhalb eines Monats nach Zugang des Bescheids, zunächst ohne Begründung möglich.
Checkliste als PDF: Schritte & Unterlagen
Alle Schritte zum Abhaken – Antrag, Unterlagen, Begutachtung, Bescheid und Refinanzierung.
Schritt 1: Antrag bei der Pflegekasse stellen
Zuständig ist die Pflegekasse bei der Krankenkasse der pflegebedürftigen Person; privat Versicherte wenden sich an ihre private Pflegeversicherung. Der Antrag ist formfrei. Ein Anruf oder ein kurzes Schreiben mit Name, Versichertennummer, Adresse und dem Satz „Ich beantrage Leistungen aus der Pflegeversicherung“ genügt.
Wichtig für das Geld: Leistungen werden rückwirkend ab dem Monat gezahlt, in dem der Antrag eingegangen ist – nicht ab dem Bescheid. Wer zwei Monate zögert, verliert bei Pflegegrad 3 rund 1.200 EUR. Notieren Sie deshalb Datum, Uhrzeit und den Namen der Person, mit der Sie gesprochen haben.
- Antragsberechtigt ist die pflegebedürftige Person selbst.
- Angehörige können mit Vollmacht oder als bestellte rechtliche Betreuung handeln.
- Die Pflegekasse schickt anschließend ein Formular zu, das den Antragszeitpunkt nicht verändert.
- Nutzen Sie den kostenfreien Anspruch auf Pflegeberatung nach § 7a SGB XI – auch schon vor dem Antrag.
Formulierungsbeispiel
„Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit beantrage ich, [Name, geb. am, Versichertennummer], Leistungen aus der Pflegeversicherung und bitte um eine Begutachtung zur Feststellung des Pflegegrades. Bitte bestätigen Sie mir den Eingang dieses Antrags schriftlich.“
Schritt 2: Den Begutachtungstermin vorbereiten
Die Pflegekasse beauftragt eine Begutachtung: bei gesetzlich Versicherten durch den Medizinischen Dienst (MD), bei privat Versicherten durch Medicproof. Der Termin findet in der Regel in der Wohnung statt und dauert etwa 60 Minuten.
Pflegetagebuch führen
Dokumentieren Sie eine bis zwei Wochen vor dem Termin: Wer hilft wann, wie lange und bei welcher Tätigkeit? Notieren Sie auch nächtliche Unterstützung, Aufforderungen und Beaufsichtigung – gerade diese Punkte werden im Gespräch oft vergessen, obwohl sie stark in die Bewertung einfließen.
Unterlagen bereitlegen
- Arztberichte, Krankenhaus- und Entlassbriefe, Reha-Berichte
- aktueller Medikamentenplan
- Liste vorhandener Hilfsmittel (Rollator, Pflegebett, Hausnotruf)
- Kontaktdaten von Hausarzt, Pflegedienst und Therapiepraxen
- Schwerbehindertenausweis, Vollmachten, Betreuungsurkunde
- das Pflegetagebuch
Im Gespräch selbst
- Eine vertraute Person sollte dabei sein und ergänzen, was die betroffene Person nicht benennt.
- Den Alltag realistisch schildern – auch die schlechten Tage, nicht nur den heutigen.
- Es zählt, was selbstständig nicht mehr geht, nicht, was mit Hilfe noch klappt.
- Nichts vormachen, was gerade nur mit großer Anstrengung gelingt.
- Kognitive Einschränkungen, Ängste, Unruhe und nächtliche Aktivität ausdrücklich ansprechen.
Checkliste zum Abhaken
Unsere PDF-Checkliste führt Sie durch alle fünf Schritte inklusive Unterlagenliste – oben im Artikel verlinkt.
Wie der Pflegegrad berechnet wird
Grundlage ist das Neue Begutachtungsassessment. Bewertet wird die Selbstständigkeit in sechs Modulen, die unterschiedlich stark in das Gesamtergebnis eingehen.
| Modul | Inhalt | Gewichtung |
|---|---|---|
| 1 Mobilität | Positionswechsel, Halten, Umsetzen, Treppen | 10 % |
| 2 Kognitive und kommunikative Fähigkeiten | Orientierung, Erinnern, Entscheiden, Gespräch | 15 % (höherer Wert aus 2 oder 3) |
| 3 Verhaltensweisen und psychische Problemlagen | Unruhe, Aggression, nächtliche Aktivität, Ängste | 15 % (höherer Wert aus 2 oder 3) |
| 4 Selbstversorgung | Waschen, Ankleiden, Ernährung, Toilettengang | 40 % |
| 5 Krankheits- und therapiebedingte Anforderungen | Medikamente, Verbände, Arztbesuche, Therapien | 20 % |
| 6 Alltagsleben und soziale Kontakte | Tagesgestaltung, Kontakte, Beschäftigung | 15 % |
| Gesamtpunkte | Pflegegrad | Bedeutung |
|---|---|---|
| 12,5 bis unter 27 | Pflegegrad 1 | geringe Beeinträchtigung – kein Pflegegeld |
| 27 bis unter 47,5 | Pflegegrad 2 | erhebliche Beeinträchtigung – Pflegegeld 347 EUR |
| 47,5 bis unter 70 | Pflegegrad 3 | schwere Beeinträchtigung – Pflegegeld 599 EUR |
| 70 bis unter 90 | Pflegegrad 4 | schwerste Beeinträchtigung – Pflegegeld 800 EUR |
| 90 bis 100 | Pflegegrad 5 | schwerste Beeinträchtigung mit besonderen Anforderungen – 990 EUR |
Für die Finanzierung einer Betreuung zu Hause ist die Schwelle zu Pflegegrad 2 entscheidend: Erst dort gibt es Pflegegeld und den gemeinsamen Jahresbetrag für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege von bis zu 3.539 EUR pro Jahr.
Fristen: Wann der Bescheid kommen muss
| Situation | Frist |
|---|---|
| Regelfall | Entscheidung innerhalb von 25 Arbeitstagen nach Antragseingang |
| Antrag im Krankenhaus oder in der Reha mit Pflegebedarf nach Entlassung | Begutachtung innerhalb einer Woche |
| Angekündigte Pflegezeit oder Familienpflegezeit | Begutachtung innerhalb von zwei Wochen |
| Fristversäumnis ohne triftigen Grund | 70 EUR je begonnene Woche Verzögerung |
Weisen Sie bei der Antragstellung ausdrücklich auf Dringlichkeit hin, wenn eine Entlassung ansteht oder eine palliative Situation vorliegt. Verstreicht die Frist, fordern Sie die 70 EUR je Woche schriftlich ein – der Anspruch besteht unabhängig vom Ergebnis der Begutachtung.
Bescheid abgelehnt oder zu niedrig? Widerspruch einlegen
- 1Innerhalb eines Monats nach Zugang schriftlich Widerspruch einlegen – zunächst ohne Begründung, um die Frist zu sichern.
- 2Das vollständige Gutachten anfordern; Sie haben Anspruch darauf.
- 3Gutachten Abschnitt für Abschnitt mit dem tatsächlichen Alltag vergleichen und Abweichungen markieren.
- 4Begründung nachreichen: Pflegetagebuch, Arztunterlagen und konkrete Beispiele beilegen.
- 5Kostenfreie Unterstützung über Pflegeberatung nach § 7a SGB XI, Pflegestützpunkt oder Sozialverband holen.
- 6Bleibt der Widerspruch erfolglos, ist innerhalb eines Monats Klage beim Sozialgericht möglich – gerichtskostenfrei.
Typische Ansatzpunkte für einen erfolgreichen Widerspruch: unterschätzter nächtlicher Hilfebedarf, nicht berücksichtigte kognitive Einschränkungen und Verhaltensauffälligkeiten, ein untypisch guter Tag am Begutachtungstermin oder ein Verlauf, der sich seit der Begutachtung verschlechtert hat.
Höherstufung statt Widerspruch
Hat sich der Zustand nach dem Bescheid tatsächlich verschlechtert, ist ein neuer Antrag auf Höherstufung meist der schnellere Weg als ein Widerspruch gegen ein zutreffendes Gutachten.
Betreuung schon vor dem Bescheid organisieren
Eine Betreuung zu Hause kann unabhängig vom laufenden Verfahren starten. Der Pflegegrad entscheidet nicht darüber, ob Betreuung möglich ist, sondern nur darüber, wie viel davon über Leistungen der Pflegeversicherung aufgefangen werden kann.
Beispiel: warum das Gutachten den Alltag oft zu positiv beschreibt
Ein Mann mit beginnender Demenz wohnt allein. Er kann sich waschen und anziehen, vergisst es aber ohne Aufforderung. Beim Termin ist er wach, freundlich und beantwortet Fragen erkennbar knapp.
Wird nur beschrieben, was er körperlich kann, fällt die Bewertung im Modul Selbstversorgung niedrig aus. Entscheidend ist die Angabe, dass er die Handlung ohne Anleitung und Erinnerung nicht beginnt – und wie oft das täglich vorkommt.
Praktische Konsequenz: Ein über zwei Wochen geführtes Pflegetagebuch mit Uhrzeiten und Häufigkeiten wirkt im Verfahren stärker als eine allgemeine Beschreibung im Gespräch.
Wir begleiten den Antrag, geben Orientierung zur Begutachtung und rechnen den voraussichtlichen Eigenanteil zweimal durch: mit und ohne Pflegegrad 2. So können Sie planen, statt zu warten – und die Betreuung bleibt tragbar, auch wenn der Bescheid anders ausfällt als erhofft.
Häufige Fragen
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Kostenlose Beratung startenPassend dazu
- Pflegegeld 2026: Beträge je PflegegradWas ab Pflegegrad 2 monatlich ausgezahlt wird und wie es die Betreuung mitfinanziert.
- Entlastungsbudget verstehenDer gemeinsame Jahresbetrag für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege ab Pflegegrad 2.
- Kosten und Eigenanteil berechnenGrundpreis, Zuschüsse und realistischer Eigenanteil im Überblick.
- Betreuung nach dem KrankenhausWenn es schnell gehen muss: Ablauf, Fristen und Sofortmaßnahmen.
Quellen und weiterführende Informationen
- § 18 SGB XI – Verfahren zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit
- § 15 SGB XI – Ermittlung des Grades der Pflegebedürftigkeit
- Medizinischer Dienst Bund: Pflegebegutachtung
Redaktion: aaltia care24. Zuletzt aktualisiert: 20. August 2026. Alle Angaben sind eine Orientierung und ersetzen keine individuelle Prüfung durch Pflegekasse, Steuerberatung oder Fachkräfte.
Wichtiger Hinweis